Mehr Einsatz gegen Abwanderung aus Südtirols Randgebieten
Die von der Handelskammer Bozen kürzlich vorgenommene statistische Erfassung der Bevölkerungsbewegung in den Südtiroler Gemeinden hat die öffentliche Meinung aufgeschreckt. Aus der Erhebung lassen sich unterschiedliche Zu- und Abwanderungstendenzen ablesen. Die Abwanderung ist in mehreren Südtiroler Randgemeinden ausgeprägt, lässt sich dort aber durch verschiedene Entwicklungsfaktoren der Wirtschaft erklären.
Besorgniserregend und für den sozialen Ist-Zustand bezeichnend erscheint indes der Umstand, dass die Abwanderung sich nicht allein auf wirtschaftliche Randgebiete (strukturschwache Gebiete) beschränkt, sondern auch in sehr hoch entwickelten, durchwegs als reich geltenden Gemeinden zeigt. Dabei hat sich ergeben, dass Menschen, die in diesen Gemeinden den unteren Einkommensschichten angehören, weniger aus Gründen fehlender Arbeitsplätze weggehen, sondern weil sie sich den hohen Lebensstandard, die übertriebenen, oft auf Spekulation zurück gehenden Preise für Wohnungen und Lebenshaltungskosten und somit den insgesamt unsozialen Lebensraum nicht mehr leisten können.
Die steigenden Wohnungs- und Mietpreise, die oft rücksichtslose Preisgestaltung im alleinigen Interesse der Gewinnmaximierung, die Abkehr einzelner Gebiete von einer sozialen Grundhaltung, nach welcher das Zusammenleben unterschiedlicher Einkommensschichten die eigentliche Vielfalt der Gesellschaft ausmacht, sind der Kontrolle der öffentlichen Hand, kommen sowohl den Gemeinden als auch dem Land zunehmend abhanden.
Es ist daher von entscheidender Bedeutung, um diese Zustände zu überwinden, dass die öffentliche Hand den Einsatz ihrer Mittel noch mehr als bisher danach ausrichtet, dass in den Städten und Dörfern auch den weniger starken Einkommensschichten ein lebenswertes Umfeld geboten wird.
Die Mitglieder der Landesregierung haben sich mit eigenem Beschluss selbst verpflichtet, sich Gedanken über diese Situation und über Maßnahmen zu deren Verbesserung zu machen. Dies bedeutet, dass auch in der Politik und zwar auf allen Ebenen, eine Rückbesinnung auf soziale Grundwerte und auf zwischenmenschliche Solidarität erfolgen muss. So, wie es heute aussieht, sind aus der Wirtschaftskrise weder international noch regional und lokal die richtigen Lehren gezogen worden. Armut, Not und soziale Bedrängnis sind weiter im Steigen. Auch in unserem Land wird der effektive Zustand der Volkswirtschaft nicht deutlich genug dargestellt. Einzelne Gesellschaftsbereiche, welchen es vergleichsweise gut geht, weisen auf die eigene angebliche Not und Bedrängnis durch die Steuern hin und erheben damit indirekt wachsenden Anspruch auf öffentliche Beihilfen und Steuererleichterungen. Das weist auf eine einseitige Auffassung der sozioökonomischen Aufgaben einer solidarischen Gesellschaft hin. Wenn dem stattgegeben wird, dann wird Südtirol in sozialer Hinsicht weiter veröden und immer mehr Menschen werden sich in unserem Land nicht mehr beheimatet fühlen. Die Politik muss den Mut aufbringen, effektiv dagegen zu steuern.



