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70 Jahre Option
70 Jahre Option
70 Jahre Option:
"Das leidvollste Kapitel der Südtiroler Geschichte"



Im Schatten des großen Andreas-Hofer-Gedenkjahres jährt sich die „Option“ zum 70. Mal. 1939 wurde nicht nur das Land, sondern jede einzelne Südtiroler Familie zum Spielball der beiden Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini. Die Wunden dieser Zeit sind zum Teil bis heute nicht verheilt.

Im Herbst 1939 trafen sich die sechs Brüder der Familie Innerhofer aus Obermais, um innerhalb der Familie über das Abstimmungsverhalten bei der Option zu verhandeln. Die Frauen saßen mit den Kindern auf der Bank, zu sagen hatten sie nichts. Die Männer diskutierten auf Biegen und Brechen. Schlussendlich war klar: zwei Brüder entschieden sich fürs Dableiben, vier für die Auswanderung. „Fortan gingen sich die einst unzertrennlichen Geschwister, die wie durch ein Wunder die Fronteinsätze im Ersten Weltkrieg überlebt hatten, aus dem Weg“, erinnert sich Sepp Innerhofer, der an diesem unvergesslichen Tag als Elfjähriger ebenfalls auf der Bank saß und gespannt lauschte.

Eine Geschichte, wie sie 1939 unzähligen Südtiroler Familien widerfahren ist. Wie kam es dazu? Am 23. Juni 1939 fand im Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin eine Besprechung mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler über die „Südtiroler Frage“ statt, bei der sich die deutsche und italienische Seite auf die Grundpfeiler der „Option“ einigten. In drei Etappen sollte die Auswanderung von knapp 200.000 Südtirolerinnen und Südtirolern ins Deutsche Reich erfolgen. Zuerst die „Reichsdeutschen“, dann die Besitzlosen und zum Schluss die Vermögenden. Italien verpflichtete sich die Besitzungen abzulösen und die Gelder dem Deutschen Reich zur Weiterleitung an die Optanten zu überweisen. „Mit dieser Einigung im Juni 1939 war endgültig klar, dass Deutschland die freundschaftlichen Beziehungen zu Italien nicht für Südtirol opfern wird. Eher wird Südtirol geopfert“, berichtet der renommierte Zeithistoriker Rolf Steiniger in der Ende Juni erstmals vorgestellten Dokumentation "Südtirol: Überlebenskampf zwischen Faschismus und Option“.

Die Option: „So hatte man sich das nicht vorgestellt“

Besonders der in den Dreißigerjahren entstandene pro-nazistische „Völkische Kampfring Südtirol“ (VKS) verfolgte das Ziel der Angliederung an das Deutsche Reich. Ebenso wie das Saarland (1935) und vor allem Österreich (1938) sollte auch Südtirol „heim ins Reich“ kommen. Doch Adolf Hitler verwahrte sich gegen die Forderungen und erklärte wiederholt, die Südtirolfrage sei von der Erstarkung und Bündnisfähigkeit Deutschlands nicht zu trennen. Wie der deutsche Historiker Georg Grote nachweist, betrog man sich mit der Vermutung, dass Hitler mit seinen Aussagen zu Südtirol lediglich Mussolini in Sicherheit wiegen wollte, letztlich jedoch der Versuchung nicht widerstehen würde, den deutschen Einflussbereich bis an die Grenzen Trients auszudehnen (Grote, 2009, S.105). Ende Juli 1939 sickerten die Ergebnisse der Berliner Einigung durch. Damit war klar, dass es anders kommen würde. Und somit änderte sich auch die Linie des VKS: „Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.“ (Steininger, 2003, S.42).

Der Boden für den Exodus der Südtiroler wurde über viele Jahre aufbereitet. Nach der Machtergreifung Mussolinis wurden in Südtirol schrittweise der Landesname sowie die Verwendung und das Erlernen der deutschen Sprache verboten, Orts- und Familiennamen wurde italienisiert. Mit dem Bau der Bozner Industriezone begann die Majoirisierungspolitik durch die Ansiedlung tausender italienischer Familien. So ist es auch für den Options-Experten Leopold Steurer generell unbestritten, dass die Erfahrungen mit der faschistischen Unterdrückungs- und Entnationalisierungspolitik seit 1922 ein wichtiges Motiv für viele Südtiroler Optanten des Jahres 1939 bildeten (ff, Nr.28/2009, S.43).

Formal wurde das „Hitler-Mussolini-Abkommen“ am 21. Oktober 1939 geschlossen, wenige Tage darauf wurden genauen Richtlinien für die Umsiedlung veröffentlicht. Die Südtirolerinnen und Südtiroler wurden vor die Alternative gestellt, mit einem roten Stimmzettel für die deutsche Staatsbürgerschaft zu optieren und in das Deutsche Reich auszuwandern oder durch die Unterzeichung des weißen Stimmzettels für einen Verbleib bei Italien unter faschistischer Herrschaft zu entscheiden, schreibt der Verleger Gottfried Solderer (ff, Nr. 29/2009, S.37). Bis zum Stichtag 31. Dezember 1939 hatten sich 166.488 Südtiroler (86 Prozent) für die deutsche Staatsbürgerschaft und damit für die Aufgabe der Heimat entschieden.

Propaganda total: die „Sizilianische Legende“


Der Optionsabstimmung ging eine gewaltige Propagandalawine voraus. Wie der verstorbene SVP-Senator und Dableiber Friedl Volgger in seinen Memoiren schreibt, wurde die Werbung „im besten Stil“ des Reichs-Propagandaministers Joseph Goebbels geführt. Was man den Leuten alles vormachte und was diese alles schluckten, grenzt ans Unglaubliche: alle Südtiroler kämen in das gleiche Gebiet, in die gleichen Täler mit den gleichen Bergen. Mit einem neuen Haus, gleich groß wie das zurückgelassene, mit gleich viel Wald und Stück Vieh. „Dass die sonst doch nüchternen Südtiroler zum Großteil all den Unsinn für bare Münze nahmen, kann die heutige Generation überhaupt nicht mehr fassen“, resümiert Volgger (Volgger, 1997, S.35).

Neben der Zusicherung eines geschlossenen Siedlungsgebiets, das allerdings erst erobert werden musste, war die Drohung mit der Zwangsumsiedlung in den Süden die Hauptwaffe im Propagandakrieg des VKS zwischen Optanten und Dableibern. SVP-Parteiobmannstellvertreterin Martha Stocker unterstreicht die Bedeutung der „Sizilianischen Legende“. Sie besagte, dass die Dableiber umgesiedelt werden würden, nach Sizilien oder Abessinien, auf jeden Fall südlich des Po (Stocker, 2006, S.34). Es hieß, in Sizilien stehen die Höfe für die Dableiber schon bereit. Die Dableiber nannte man die „Walschen“ (Volgger, 1997, S.36).

Wie Rolf Steiniger unterstreicht, griffen die Nazis dort, wo die Propaganda nicht griff, auch zum Terror: das übelste Kapitel in der Geschichte Südtirols wurde jetzt von den Südtirolern selbst geschrieben (Steininger, 1997, S.166). Flugblätter und Hetzschriften fanden ihren Weg bis zu den abgelegenen Höfen, es kam zu Übergriffen auf Hab und Gut. Selbst vor Drohungen und Gewalt wurde nicht zurückgeschreckt. „Wir mussten damit rechnen, dass hinter einer Wegbiegung ein Schlägertrupp bereit stand, der Befehl hatte, den ‚Walschen’ eine Lehre zu erteilen“, erinnert sich Volgger (Volgger, 1997, S.39).

Kanonikus Gamper trug die Hauptlast im Kampf für das Bleiben


Der damals 25jährige Friedl Volgger war Mitglied der Gruppe der Nicht-Optanten, des „Deutschen Verbandes“ und späteren Andreas-Hofer-Bundes. Aus seiner Sicht hatten die Dableiber der Propaganda des VKS nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen, eine Organisation war nicht vorhanden. Die Stützen der Dableiber im Volk waren die Dorfpriester, die zentrale Persönlichkeit war Kanonikus Michael Gamper. Der Klerus hatte sechs Monate mehr Zeit für die Entscheidung (Stichtag 30. Juni 1940), war allerdings – im geradezu gegenteiligen Verhältnis zum Votum der Bevölkerung – mit rund 20 zu 80 Prozent gegen die Option. Mithilfe der Priester vor Ort wurden über Kanonikus Gamper Treffen im kleinen Kreis organisiert, um für das Dableiben zu werben (Volgger, 1997, S.38). Dies geschah, obgleich dem Klerus schon Ende Oktober 1939 ein Propagandaverbot auferlegt wurde und der damalige Bischof Geisler im Mai 1940 mit den Worten „Der gute Hirt folgt seiner Herde“ ebenfalls optierte (Steininger, 1997, S.170 ).

Erste Station der Auswanderer war Innsbruck


Wie Solderer schreibt, kamen die ersten Umsiedlerzüge bereits im September 2009 ins Rollen (ff, Nr.30/2009, S.42). Einige tausend Menschen, vor allem politisch Verdächtige, Freiwillige für die Deutsche Wehrmacht und die ärmsten Schichten, hatten bereits Ablauf vor der Optionsfrist das Land verlassen. Die Auswanderung wurde mithilfe der Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwanderungsstelle (Aderst) organisiert, die laut Solderer zum Höhepunkt ihrer Tätigkeit Ende 1940 569 Mitarbeiter beschäftigte. Zug um Zug rollte über den Brenner.

Die erste Station der Auswanderer war Innsbruck. Dort wurden die Optanten einer gesundheitlichen Untersuchung unterzogen. Wehrtüchtige wurden sofort eingezogen, die anderen mussten auf die weitere Zuteilung warten. Die propagandistischen Versprechen erwiesen sich als haltlos. Die Südtiroler wurden in verschiedensten Gebieten angesiedelt, vor allem in Tirol, Vorarlberg, Oberösterreich und der Südsteiermark. Sie mussten zum Teil jahrelang in Notunterkünften hausend auf den Bezug der Wohnungen warten. Mit dem Bau der so genannten Südtiroler Siedlungen wurden dann moderne Wohnungen in großer Zahl zur Verfügung gestellt, was neben anderen von den Menschen vor Ort mit Argwohn aufgenommen wurde.

Nachdem allein bis Ende1940 über 57.000 Menschen ausgewandert sind, kam die Aussiedlung ins Stocken. Insgesamt haben bis Ende 1943 knapp 75.000 Optanten Südtirol verlassen, danach wurde die Aussiedlung mit der Besetzung des Südtirols durch die Deutsche Wehrmacht gestoppt.

Das Ende der Option: was blieb?


Die Optanten hatten 1939 auf ihre italienische Staatsbürgerschaft unwiderruflich verzichtet. Nachdem „nur“ knapp 75.000 Optanten tatsächlich ausgewandert sind und viele der Ausgewanderten nach den Kriegswirren wieder in die Heimat zurück wollten (zwischen 20.000 bis 25.000 kamen tatsächlich wieder zurück), galt es rasch eine politische Lösung für die staats- und rechtlosen Menschen zu finden. Nach massiven Interventionen der aus dem Andreas-Hofer-Bund hervorgegangen und am 8. Mai 1945 gegründeten Südtiroler Volkspartei und des ebenfalls befreiten Österreichs lenkte Italien 1946 im Rahmen des Gruber-De Gasperi-Abkommens ein und gewährte die Möglichkeit der Rückoption.

Die Option hinterließ tiefe Wunden in der verbleibenden Bevölkerung, die auch nach Jahrzehnten nicht verheilt waren. Familien wurden zerrissen, Aussiedler blieben in der Ferne fremd und Rücksiedler fassten in ihrer Heimat wieder schwer Fuß. Für viele Jahre zerfiel die einst homogene Südtiroler Gesellschaft in Geher und Dableiber. Dank der Bemühungen der „unitaristischen SVP“ kam dieses in allen Köpfen unterschwellig vorhandene Bewusstsein um die jeweiligen Loyalitäten der Nachbarn, Freunde und Verwandten in Kriegszeiten nie mehr offen zutage (Grote, 2009, S.138).

„Die Option stellte die Südtirolerinnen und Südtiroler vor eine Wahl, die härter nicht sein konnte. Nur wer die ganze Dimension der zehntausendfachen Entscheidung zwischen Volkszugehörigkeit und Heimatverbundenheit erfasst, kann die weitere Geschichte unseres Landes verstehen“, erinnert Elmar Pichler Rolle, Vorsitzender der Silvius-Magnago-Akademie.


BUCHTIPPS: Ausgewählte Literatur zur Option
  • Solderer, Gottfried: Gell, hinter den Bergen ist Deutschland. Die Option 1939; Edition Raetia, Bozen, 2009*
  • Grote, Georg: I bin a Südtiroler. Kollektive Identität zwischen Nation und Region im 20. Jahrhundert; Verlagsanstalt Athesia, Bozen, 2009
  • Messner, Reinhold (Hrsg.): Die Option; Piper, München, 1989
  • Steininger, Rolf: Südtirol im 20. Jahrhundert; Studienverlag, Innsbruck, 1997
  • Steininger, Rolf: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart; Studienverlag, Innsbruck, 2003
  • Stocker, Martha: Unsere Geschichte. Südtirol 1914 – 1992 in Streiflichtern; Silvius-Magnago-Akademie, Bozen, 2006
  • Tiroler Geschichtsverein (Hrsg.): Option Heimat Opzioni, Eine Geschichte Südtirols; Bozen, 1989 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung)
  • Volgger, Friedl: Mit Südtirol am Scheideweg. Erlebte Geschichte; Haymon-Verlag, Innsbruck, 1997

*Textauszüge aus dem betreffenden Buch sind im Wochenmagazin „ff“ (Nr.29/2009 und Nr. 30/2009) erschienen.

Bildnachweis: Dolomiten-Archiv
2012 - Südtiroler Volkspartei
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